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Safety-II und HOP (Human and Organizational Performance) sind Ansätze, die Sicherheit nicht nur als Abwesenheit von Unfällen verstehen, sondern als Fähigkeit, unter wechselnden Bedingungen erfolgreich zu arbeiten. Sie richten den Blick auf Arbeitsbedingungen statt auf Schuld. SAFETEE setzt sie mit Learning Teams und dem SAFETEE Kompass in Projekten und Betrieben ein.


Safety-I versteht Sicherheit als Zustand, in dem möglichst wenig schiefgeht. Man lernt vor allem aus Unfällen und sucht Abweichungen. Safety-II versteht Sicherheit als Fähigkeit eines Systems, unter wechselnden Bedingungen erfolgreich zu arbeiten, und lernt deshalb auch aus dem, was täglich gut geht. Geprägt haben die Begriffe Erik Hollnagel und das EUROCONTROL-Whitepaper von 2013. (EUROCONTROL, Hollnagel 2014; abgerufen 29.09.2026)
Safety-II ersetzt Safety-I nicht. Gesetzliche Pflichten, Gefährdungsbeurteilung und Unfalluntersuchung bleiben notwendig. Safety-II ergänzt sie um die Frage, warum Arbeit meistens gelingt, obwohl die Bedingungen selten so sind wie geplant.
Work-as-Imagined ist die Arbeit, wie sie in Plänen, Verfahren und Gefährdungsbeurteilungen gedacht ist. Work-as-Done ist die Arbeit, wie sie tatsächlich abläuft, unter Zeitdruck, mit fehlendem Material, bei Wind und mit wechselnden Kollegen. Die Lücke zwischen beiden ist normal. Gefährlich wird sie, wenn niemand sie kennt. (EUROCONTROL-Whitepaper 2013; abgerufen 29.09.2026)
Auf einer Baustelle sieht das zum Beispiel so aus: Die Montageanweisung sieht einen bestimmten Anschlagpunkt vor, der aber durch ein anderes Gewerk verbaut ist. Das Team findet eine Lösung, die funktioniert. Safety-II fragt, wie diese Lösung aussieht, ob sie sicher ist und was die Planung daraus lernen kann.
HOP steht für Human and Organizational Performance. Der Ansatz hat Wurzeln in der Human-Performance-Bewegung der US-Nuklearindustrie und wurde unter anderem von Todd Conklin bekannt gemacht. Er beruht auf wenigen Grundsätzen: Menschen machen Fehler, Schuldzuweisung löst nichts, der Kontext prägt das Verhalten, Lernen ist entscheidend, und wie die Organisation auf Fehler reagiert, zählt. (DOE-HDBK-1028-2009, Safety Differently; abgerufen 29.09.2026)
Daraus folgt eine andere Frage nach Ereignissen: nicht „Wer war schuld?“, sondern „Was hat die Situation so gemacht, dass dieser Fehler möglich und naheliegend war?“ Systeme sollen so gestaltet werden, dass Fehler abgefangen werden, bevor sie schaden.
Vergleich: Safety-I, Safety-II und HOP auf einen Blick
Learning Teams sind moderierte Gespräche zwischen denen, die die Arbeit ausführen, und denen, die sie planen oder verantworten. Sie finden nach einem Ereignis oder vorausschauend statt, zum Beispiel vor einem neuen Montageablauf. Ziel ist, operatives Wissen sichtbar zu machen und daraus Verbesserungen an Planung, Material oder Ablauf abzuleiten. (Safety Differently; abgerufen 29.09.2026)
Aus unserer Praxis: Gute Learning Teams haben eine neutrale Moderation, eine klare Frage, genug Zeit ohne Produktionsdruck und eine verbindliche Rückmeldung, was aus den Vorschlägen wird. Ohne diese Rückmeldung verlieren sie schnell an Vertrauen.
Ja. Diskutiert wird vor allem, wie sich Safety-II im Alltag messen und umsetzen lässt; Fachbeiträge etwa aus dem Gesundheitswesen beschreiben diese Schwierigkeit. Bei HOP kritisieren Vertreter der Verhaltensanalyse, dass HOP manchmal fälschlich als Gegensatz zu Behavior Based Safety dargestellt wird. Unabhängige Wirksamkeitsstudien zu HOP als Gesamtkonzept sind uns nicht bekannt. (PubMed 2022, Aubrey Daniels International; abgerufen 29.09.2026)
Unsere Konsequenz: Wir nutzen die Ansätze als Werkzeuge, nicht als Glaubensfrage. Welche Methode passt, hängt von Betrieb, Risiko und Reifegrad ab. Unseren Standpunkt dazu beschreibt unser Fachartikel zur Methodenwahl.
Bewährt haben sich kleine Schritte: Führungskräfte fragen bei Begehungen, was heute anders läuft als geplant und warum. Nach Ereignissen wird ein Learning Team statt nur einer Schuldanalyse durchgeführt. Abweichungen werden mit dem SAFETEE Kompass eingeordnet: Wusste die Person es nicht, konnte sie es nicht, durfte sie es nicht oder wollte sie es nicht? Daraus folgt die passende Konsequenz. (Praxis SAFETEE; Stand 29.09.2026)
Wichtig ist, dass Safety-II keine Einladung ist, Regeln zu ignorieren. Es geht darum, Regeln so zu gestalten, dass sie zur tatsächlichen Arbeit passen, und die Menschen, die die Arbeit machen, daran zu beteiligen. Mehr zum Kompass auf der Seite SAFETEE Kompass.
An ihren Gesprächen. Führungskräfte fragen nach dem Alltag, nicht nur nach Verstößen. Nach Ereignissen steht die Frage im Mittelpunkt, was die Situation schwierig gemacht hat. Beschäftigte melden Abweichungen und Umwege offen, weil sie wissen, dass daraus bessere Abläufe entstehen. Und Verfahren werden regelmäßig mit denen überarbeitet, die sie anwenden. (Stand 29.09.2026)
Messbar wird das über Frühindikatoren wie die Zahl der Learning Teams, umgesetzte Verbesserungen aus Gesprächen über Work-as-Done oder die Zeit, bis eine gemeldete Schwierigkeit gelöst ist. Unfallzahlen bleiben wichtig, erzählen aber nur einen kleinen Teil der Geschichte.
Wir führen Safety-II- und HOP-Elemente dort ein, wo sie wirken: Moderation von Learning Teams, Schulung von Führungskräften in Gesprächen über Work-as-Done, Ereignisuntersuchungen mit Blick auf Bedingungen und die Verbindung mit BBS und klassischen Werkzeugen. Einen Überblick über alle Ansätze gibt die Seite Sicherheitstechnische Methoden. Ihre Anfrage erreicht uns über die Kontaktseite.
Nein. Safety-II ergänzt Safety-I. Unfälle untersuchen, Regeln einhalten und Gefährdungen beurteilen bleibt notwendig. Safety-II fügt den Blick auf den Alltag hinzu: Warum gelingt Arbeit meistens, obwohl Bedingungen wechseln? Wer beides verbindet, lernt aus Unfällen und aus dem, was täglich gut funktioniert.
HOP hat keinen einzelnen Erfinder. Die Wurzeln liegen in der Human-Performance-Bewegung der US-Nuklearindustrie, dokumentiert unter anderem im Human Performance Improvement Handbook des US-Energieministeriums von 2009. Bekannt gemacht haben den Ansatz Fachleute wie Todd Conklin, verwandte Gedanken vertritt Sidney Dekker unter dem Stichwort Safety Differently.
BBS setzt beim beobachtbaren Verhalten an und stärkt sicheres Verhalten durch Beobachtung und Rückmeldung. HOP setzt bei den Bedingungen an, unter denen Verhalten entsteht, und fragt, wie Systeme Fehler abfangen. Die Ansätze ergänzen sich, wenn BBS-Beobachtungen als Anlass genommen werden, Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Nein. Regeln bleiben wichtig. Safety-II fragt aber, ob Regeln zur tatsächlichen Arbeit passen. Wenn Teams eine Regel regelmäßig umgehen müssen, um ihre Arbeit zu schaffen, ist das ein Hinweis auf ein Problem in Planung oder Regel, nicht nur beim Team. Die Antwort ist eine bessere Regel, keine fehlende.
Nach unserer Erfahrung dauert ein erstes Gespräch ein bis zwei Stunden, oft folgt ein zweiter Termin, nachdem die Teilnehmenden über das Gehörte nachgedacht haben. Entscheidend ist weniger die Dauer als die Vorbereitung, eine neutrale Moderation und die verbindliche Rückmeldung, was mit den Ergebnissen passiert.
Der SAFETEE Kompass ist unser Werkzeug, um Abweichungen fair einzuordnen. Er fragt, ob eine Person etwas nicht wusste, nicht konnte, nicht durfte oder nicht wollte. Je nach Antwort folgt eine andere Konsequenz, von Unterweisung über Ausstattung bis zu Gespräch oder Sanktion. So wird eine Just Culture praktisch anwendbar.
Am einfachsten mit Gesprächen. Führungskräfte fragen bei Begehungen, was heute anders läuft als geplant und wie das Team damit umgeht. Nach dem nächsten Ereignis wird ein Learning Team moderiert. Aus beidem entstehen konkrete Verbesserungen. So wird Safety-II ohne großes Programm im Alltag sichtbar.